de en ()

Dokumentation

Verfasser: Alois Lorenz
Beruf: Pfarrer (Dekan von Landskron)
Datum der Niederschrift: 31.05.1948
Jahrgang: 1877-1950
Jug.: 1
Quelle: RG01
Region: Sudetenland, Schönhengstgau, Landskron
Seite: 25f
Berichtszeitraum: 09.05.1945 - 16.05.1945

[...] Der Tumult aber war groß, als es hieß: die Russen kommen. Über Hals u. Kopf verließen die deutschen Soldaten die Stadt, die Feldküche mit der Sau u. den kleinen Schweinen fuhr davon, die kranken Soldaten aus den beiden Lazaretten wurden auf Wagen mitgenommen.

Vormittags sahen wir schon einzelne Russen. Abends kamen 2 in die Dechantei, fragten, ob wir Waffen haben und nahmen dem Herrn Kaplan die Uhr weg. Man hörte dann von Vergewaltugungen der Frauen u. Mädchen und am Christi Himmelfahrtstag {Anm.: 10.05.1945} nachmittags und abends kamen etwa 24 Mädchen, Frauen und auch Kinder u. baten, sich bei uns verstecken zu dürfen. Wir verbargen sie auf dem Holzboden hinter dem Heu. Die Wirtschafterin ging zu den beiden Nonnen über Nacht, meine Nichte blieb bei den Schwestern der Wirtschafterin in einem abgelegenen Raum.

Um 11 Uhr nachts etwa kam am Feste Christi Himmelfahrt eine Frau Irma Weichwald mit 2 betrunkenen Russen zu uns; Herr Kaplan Rührich (jetzt in Eggendorf bei Hollabrunn in Österreich) blieb stets treu an meiner Seite, empfing die drei in der Küche und sie verlangten Schnaps. Nur ganz wenig hatten wir und sie tranken mit uns, denn sie fürchteten vielleicht Gift, daher mußten wir auch trinken. Dann wollten sie eingelegte Zwetschgen, die wir hatten; wir mußten mit mitessen. Der eine Russe, ein Offizier, war eingeschlafen, der andere, vielleicht sein Diener, blieb auf, und etwa um 2 Uhr erwachte der Offizier und ging hinaus aus der Küche. Wir dachten, nun würden sie ganz fortgehen, aber nein, nun gingen sie hinauf über die Stiege, soch die Frau Irma war unbemerkt hinausgegangen. Jetzt verlangte der Offizier Mädchen und Frauen in ordinärer Weise. Wir sagten, daß hier keine sind, die haben sich versteckt. Da trat der Russe mit dem Revolver vor mich hin und brüllte: "Gib uns Weiber, oder ich dich kaputtschießen." Sie gingen von einer Tür zu anderen und fragten: "Wer ist hier?" "2 Klosterschwestern", da gingen sie weiter. "Wer hier?" "Ein alter Herr aus Berlin." Dann besannen sie sich auf die Frau Irma Weichwald "Wo ist Frau Irma?" Da sagte der Herr Kaplan: "Sie ist hinaus", da gingen sie endlich fort und wir machten zu. Was wäre gewesen, wenn sich die Frauen am Holzboden verraten hätten? Doch Gott beschützte uns alle in dieser furchtbaren Nacht. Am anderen Abend kam niemand mehr zu uns über die nacht. Lieber gingen sie in die Getreidefelder und in die Wälder.

Nun hatten auch die Čechen den Mut, nach Landskron zu kommen. Aber sie mußten die Russen plündern lassen und konnten auch die Frauen nicht beschützen. Am Pfingsmontag war Herr Kaplan Rührich mit vielen anderen Männern im {}Gymnasium in Gewahrsam, Herr Kaplan Mittasch war wie immer in {}Sichelsdorf und ich hatte Taufen in der Kirche. So kam ein Russe in die Dechanei und fing an zu plündern. Die Wirtschafterin sprang aus Angst aus dem Fenster und ihre Schwester ging zu den čechischen Soldaten und bat um Hilfe. Ein Partisan kam endlich in die Dechanei und sprach zu den Russen: "To nesmis. Das darfst du nicht machen, komm mit, zum Kapitan." Aber dorthin wollte der Russe nicht, und so ging er endlich fort, nachdem er schon Kleider u. Wäsche fortgetragen hatte.

http://www.kreis-landskron.de/